Wenn in westlichen Industriestaaten von den Gefahren des Internets die Rede ist, geht es meistens um Dinge wie Entwicklungsschäden bei Heranwachsenden durch übermäßigen Medienkonsum oder Suchtverhalten von Dauerzockern.
Durch einen Artikel im Kulturteil von Spiegel online über den neuen Roman “Emoticon” der niederländischen Schriftstellerin Jessica Durlacher bin ich aufmerksam geworden auf eine viel grausamere Begebenheit, von der ich in den Nachrichten nichts mitbekommen hatte, als sie sich 2001 zutrug. Beim ersten Lesen des SPIEGEL online-Artikels kam mir die Beschreibung des Ereignisses so unrealistisch vor, daß ich ein wenig nachgeforscht habe.
Die Geschichte handelt von einer Palästinenserin und einem israelischen Jungen. Für den Israeli nahm sie ein tödliches Ende.
Es beginnt in Ashkelon, einer Stadt an der israelischen Mittelmeerküste. Hier lebt der 16-jährige Ofir R. Nach dem, was die Medien später von seinen Eltern und Freunden erfahren, ist er ein recht normaler Junge. Ofir beschäftigt sich ausgiebig mit Computern und dem Internet. Ein Teil seiner Homepage scheint immer noch im Index und Cache von Google abrufbar zu sein. Offenbar sammelte er dort Songtexte.
Auch Chatrooms sucht er regelmäßig auf. Dabei lernt er Anfang 2001 Amana Jawad Mona kennen. Sie ist eine 25 Jahre alte Lokaljournalisten aus den palästinensischen Westbank-Gebieten. Ofir gegenüber behauptet sie jedoch, Tochter eines Marokkaners und einer Israelin zu sein. Sie sei erst vor kurzem aus Marokko nach Israel gezogen.
Die beiden kommen sich virtuell näher und stehen dann in regelmäßigem englisch-sprachigen Email-Kontakt. Schließlich drängt Amana Jawad Mona ihren wesentlich jüngeren Chat-Bekannten, sich mit ihr in Jerusalem am zentralen Busbahnhof zu treffen. Angeblich lockt sie ihn dabei mit der Aussicht auf intimen Kontakt. In Jerusalem angekommen gelingt es ihr, Ofir in ein Auto zu bugsieren und Richtung Ramallah in die besetzten Gebieten zu fahren.
In der Nähe der Stadt stoppt sie den Wagen. Zwei bewaffnete Männer nähern sich dem Auto und fordern Ofir auf auszusteigen. Als er sich weigert, wird er von ihnen mit 15 Schüssen getötet. Einen Tag später findet man seine Leiche.
Mona wird von israelischen Sicherheitskräften verhaftet und gesteht schließlich, Ofirs Entführung geplant zu haben. Sie bestreitet aber, daß sie seinen Tod wollte. Es sei ihr nur darum gegangen, mit Ofirs Verschleppung ein Zeichen zu setzen gegen die Tötung von palästinensischen Jugendlichen und Kindern durch israelische Soldaten während der Intifada-Kämpfe.
Im November 2003 wird sie zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.
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