Günter Grass war als Siebzehnjähriger gegen Ende des zweiten Weltkrieges kurz Mitglied der Waffen-SS und kämpfte nicht, wie er bisher behauptete, bloß als Flakhelfer. Das räumte der Schriftsteller jetzt in einem FAZ-Interview ein.
Irritierend ist dabei weniger die Tatsache, daß Grass bei dieser Nazi-Mörderbande diente und sich freiwillig zur Einberufung gemeldet hatte. Viele Heranwachsende damals waren glühende Verehrer des Nazi-Regimes und einer unreifen, in der Zeit der Diktatur sozialisierten, Person sollte man so einen Irrtum nachsehen. Als die NSDAP an die Macht kam, war Grass nicht einmal sechs Jahre alt.
Verstörend finde ich dagegen, daß Grass über diesen Teil seiner Biographie so lange geschwiegen hat, aber selten mit seiner Meinung hinter dem Berg hält, wenn es das Verhalten anderer zu be- und verurteilen gilt. Stets wortgewaltig, wenngleich inhaltlich zuweilen dürftig, äußert sich der Nobelpreisträger, so z. B. in bezug auf die angeblichen Ursachen islamistischen Terrors.
BILD: WIKIPEDIA, LIZENZ
3 Kommentare bisher ↓
1 Sven // 14. August 2006 um 3:39 Uhr
Hola … y buenos. Welcome!
Die deutschen Medien berichten zutreffend, dass die
SS-Division,
welche Grass angeblich nicht mehr erreicht haben
wollte, zeitweise
in der Normandie operierte. Das ist
brisant und meines Erachtens so relevant dass ich es
aus diesem Grund nicht etwa
nur in Schweden oder sonstwo in der Welt wie
Argentinien et cetera sondern vor allem auch aus
aktuellem Anlass in Frankreich besprochen habe. Es
folgt
ein Auszug davon in französischer Sprache.
[Günther Grass & l’indifférence de la Waffen-SS le 12
août 2006 à 08H46].
Le scandal actuel dans les médias allemands me semble
plutôt une suite des examens ratés en cours et en
train dans le champ vaste et très large d’une
désinformation réussie dans la critique littéraire
d’après-guerre allemande. Depuis la parution 1961 du
livre de Guenther Grass ’Le Chat et la souris’; tous,
qui avaient vraiment lu Günther Grass, ont eu
connaissance d’esprit comme ce laureate du prix Nobel
était une fois. Comparez s.v.p. Jean-Pierre LEFÈBVRE
lorsqu’il écrit sa préface pour “Günter GRASS: LE
TAMBOUR. Roman. Trad. par Jean Amsler. Paris, Seuil,
1997, IX-625 pp., “Points, 347″ [trad. de DIE
BLECHTROMMEL. ISBN 2-02-031430-4 (br.)] [Fre]École
Normale Supérieure UMR 8547 du CNRS Pays
germaniques:histoire, culture,philosophie 45 rue
d’Ulm 75005 Paris”.N’est ce pas un bel exemple de la
lassitude à l’indifférence lors du savoir incomplet?
Jean-Pierre LEFÈBVRE écrit que ce livre est le
monument definitif et le plus important contre les
Waffen-SS et contre le fascisme.Günther Grass est
considéré par des allemands comme l’instance morale
contre la Waffen-SS.
((„Das ist keine ernsthafte Belastung der Biografie“
Günter Grass’ Bekenntnis zur Mitgliedschaft in der
Waffen-SS sorgt für Wirbel. Welche Rolle spielte die
Waffen-SS gegen Ende des Krieges, Herr Rürup?
Die Waffen-SS galt in den frühen Kriegsjahren als
militärische Elitetruppe. Sie entstand ursprünglich
als paramilitärische Organisation der SS. Sie wurde
besonders gut ausgestattet und häufig für
Spezialaufgaben herangezogen. Propagandistisch wurde
auch so getan, als sei die Waffen-SS unschlagbar.
Ihre Struktur änderte sich dann im Verlauf des
Krieges. Der Elitegedanke ließ sich nicht mehr
halten, weil die Waffen-SS in den späteren
Kriegsjahren nicht nur aus SS-Angehörigen bestand,
sondern auch aus Ausländern. Das waren Freiwillige
aus anderen europäischen Ländern. Zuletzt konnten
auch Wehrpflichtige zur Waffen-SS eingezogen werden.
Ab wann wurde das Prinzip der Freiwilligkeit bei der
Waffen-SS aufgegeben?
Das setzte 1943/44 ein. Die so genannten
Eliteformationen, die sich durch eine besonders
rücksichtslose Kriegsführung auszeichneten, waren
sehr stark dezimiert. Gleichzeitig begann man, die
Waffen-SS zahlenmäßig weiter auszubauen. Die Folge
war, dass es nicht mehr ausreichte, auf Freiwillige
zu setzen. Unter anderem setzte man durch, dass die
Wehrpflicht bei der Waffen-SS abgeleistet werden
konnte. Damit konnten Wehrdienstpflichtige relativ
einfach zur Waffen-SS eingezogen werden.
Was war der Unterschied zwischen Waffen-SS und
Wehrmacht?
Für den Einzelnen, der in der Endphase des Krieges
Mitglied der Waffen-SS war, war vermutlich kein
großer Unterschied zu spüren. Die Waffen-SS war in
der Regel besser ausgestattet als die Wehrmacht –
doch die Unterschiede wurden im Verlauf des Kriegs
kleiner.
Was ist über die SS-Division „Frundsberg“ bekannt, in
der Grass diente?
Die Waffen-SS verfügte 1944 über 38 Divisionen. Es
gibt einige Divisionen, von denen schreckliche Dinge
berichtet worden sind, insbesondere Kriegsverbrechen.
Ähnliches ist mir über „Frundsberg“ bis jetzt nicht
bekannt.
Warum hat Günter Grass so lange darüber geschwiegen,
wenn es doch 1944 durchaus nicht ungewöhnlich war,
zur Waffen-SS eingezogen zu werden?
Das verstehe ich auch nicht. Denn er hätte ja leicht
darüber sprechen können, ohne in Schwierigkeiten zu
geraten. Die Mitgliedschaft an sich ist keine
ernsthafte Belastung der Biografie. Er wurde nicht in
die SS rekrutiert, sondern in die Waffen-SS. Dadurch
war er zwar mit der SS verbunden, aber es ist doch
etwas anderes, ob man sich in früheren Jahren
freiwillig zur SS meldete oder ob man gegen Ende des
Krieges zur Waffen-SS eingezogen wurde.
Wie bewerten Sie sein Bekenntnis?
Als irritierend, aber nicht deswegen, weil er als
17-Jähriger zur Waffen-SS eingezogen wurde, sondern
deshalb, weil er das bisher nicht thematisiert hat.
Irritierend ist, dass jemand wie Grass, der als
moralische Instanz gilt, gemeint hat, er könne dieses
biografische Faktum ignorieren. Dass er jetzt darüber
spricht, mag vielleicht mit der Einsicht
zusammenhängen, dass irgendwann doch jemand darauf
stoßen wird und man deshalb lieber den Zeitpunkt
selbst bestimmt.
Reinhard Rürup ist emeritierter Professor für
Geschichte an der Technischen Universität Berlin und
war Leiter der „Topographie des Terrors“ in Berlin.
Das Gespräch führte Fabian Leber.
)Der Tagesspiegel, 14.8.2006)
Hierzu findet sich folgende Vorausreaktion, die von
mindestens einem
Tag früher kommentiert ist.
((Talkingkraut
… hält es nicht für seriösen Journalismus, wenn die
FAZ diese Grass-Lappalie zu ihrer wichtigsten
Nachricht im Hauptteil macht, dann dort noch dieser
Lappalie den Leitartikel widmet, im Feuilleton dann
noch mit einem Interview mit Grass auf zwei Seiten
ihre ach so grassinteressierten Leser belästigt,
diese Zeitung gehört doch bei Empfang in den Müll.
Das entpuppt sich dann als das neue gemeinsame
Biographieprojekt, die Zwiebel schält sich, wir
müssen weinen, wir müssen weinen ob so einem tiefen
Fall, aber als die Herrschaften um Schirrmacher und
Fest die Zeitung für ihre Profitmache mit dem
Untergang missbrauchten, war das schon vorherzusehen.
Wenn eine Zeitung auf den Hund eines solchen
gemeinen, widerlichen crossmarketings kommt, ist es
das Beste sie zu vergessen.
peterson (13.8.2006 21:56 Uhr)
) loc. cit. )
2 niels // 14. August 2006 um 19:03 Uhr
Wen oder was zitierst Du in Deinem länglichen Kommentar bitte? Wenn dazu nicht etwas detailliertere Angaben kommen, werde ich ihn löschen.
3 node-0 » Blog Archiv » Die Apologeten des Günter Grass // 16. August 2006 um 17:05 Uhr
[...] Es gibt aber auch die andere Meinung (die richtige! ), wie sie von immer mehr Quellen vertreten wird (z.B: zeineku, Bissige Liberale, Statler & Waldorf). Statt den Apologeten des Günter Grass nachzueifern und unseren Nobelpreisgewinner blind zu verteidigen, wird hier etwas genauer betrachtet, was Grass falsch gemacht hat. [...]
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