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Die FAZ und Wikipedias Buchprojekt

23. April 2008 · Keine Kommentare

Ich halte die FAZ für eine der besten deutschsprachigen Zeitungen. Das gilt aber nicht für alle Bücher des Blattes. Den Politikteil lese ich täglich, “Wirtschaft” ist häufig interessant, “Finanzmarkt” taugt in meinem Haushalt höchstens als Ersatzdroge für Handelsblatt-Junkies. Praktischerweise hängt der Sport gleich hintendran im selben Buch - der interessiert mich auch nur mäßig.

Das Feuilleton… nunja. An manchen seltenen Tagen hat man eben doch mehr freie Zeit als spannende Lektüre. Heute zum Beispiel. Thomas Thiel lässt sich über die Druckausgabe populärer Wikipedia-Artikel aus, die Bertelsmann im Herbst herausbringen will (ähnlicher Artikel eines anderen Autoren in der online-Ausgabe). Ich bin ja wahrlich kein glühender Verehrer des Jedermann-Lexikons, aber so einen stoppeligen Artikel hätte man lieber der Süddeutschen überlassen sollen. Der Unfug beginnt in der zweiten Überschrift:


Das Internetlexikon Wikipedia erscheint als schmale Druckausgabe und verabschiedet sich von alten antikommerziellen Idealen

Hätte sich Thomas Thiel mit der Wikipedia und dem zugrundeliegenden Lizenzmodell eingehend beschäftigt, wüßte er, dass die Wikipedia nie antikommerziell war. Die GNU Free Documentation License hat solche Nutzungen schon immer ermöglicht. Davon legen auch zahlreiche mit Werbung zugekleisterte Wikipedia-Mirrors und zuletzt “SPIEGEL Wissen” im Netz Zeugnis ab.

Weiter im Text:

Sosehr die Netzkultur den Spott gegenüber der Welt aus Papier pflegt, die sie unter dem Schmähbegriff “Holzmedien” rubriziert [cool!], so sehr verliert sie diese spöttische Attitüde, wenn es ihr um den Gedanken ihrer eigenen Hinterlassenschaft geht.

Den Begriff “Holzmedien” kannte ich bisher noch gar nicht. Und ich bezweifele, dass er schon besonders im Netz verbreitet war, bevor Burkhard Schröder ihn Anfang 2008 in der Überschrift eines Telepolis-Artikels verwendete.

Die Kooperation der deutschen Wikipedia mit dem Bertelsmann-Verlag begleiten Umstände, die für eine teilweise Abkehr der Netzenzyklopädie von ihren eigenen Prinzipien sprechen: [...]

Und jetzt kommen noch annähernd zwei Spalten Gedöhns über enttäuschte Wikipedia-Autoren, die ob des jähen Paradigmenwechsels sich vor den Kopf gestoßen fühlten. Ex falso quodlibet. Manche Journalisten leben eben in der ständigen Gefahr, dass vernünftige Recherche ihnen die schönsten Stories kaputtmachen würde. Was für ein pointiertes Schlussfeuerwerk Thomas Thiels:

Es ist eine weitere Lehrstunde für die Netzkultur, die in den Gründerjahren des Internets vehement die libertäre Ideologie eines antikommerziellen, deregulierten virtuellen Raums vertrat und die jetzt dem Kommerzialisierungsstreben großer Konzerne willig in die Arme läuft.

Ich habe eher eine Lehrstunde über deregulierte, von Klugheit und journalistischer Arbeit weitgehend befreite hölzerne Räume erlebt, in denen große Zeitungskonzerne willig alles abdrucken, mit dem man den Leser auf den Arm nehmen kann.

Rubrik: Medien · Netzkultur

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