Nein, diesmal nicht die SPD. Das Internet. An allem Schlechten der Welt im Allgemeinen und im Besonderen verantwortlich dafür, dass das Journalistenleben keinen Spaß mehr macht und (oh Graus) Obama zum Präsidenten gewählt wurde. So in der Art leitartikelt Ulrich Claus in der WELT.
Meinungsfreiheit scheint aus seiner Sicht gar zu lästig zu sein. Geht doch damit, wenn sie auch noch tatsächlich praktiziert wird und das gar öffentlich, der Verlust an Deutungshoheit für seinen Berufsstand einher:
Die Instanzenfeindlichkeit des Netzes hat nun jüngst sogar ungeheure politische Wirkmacht befördert. Eine Schlüsselrolle spielten dabei sogenannte Blogs. Das sind Netzrubriken von Menschen, die glauben, irgendetwas Bedeutsames im Internet zu sagen zu haben, und die im amerikanischen Wahlkampf eine Schlüsselrolle bei der Meinungsbildung einer ganzen Nation spielten. Obama konnte auf diese Weise Abermillionen von Menschen und ohne Umweg über den klassischen Journalismus erreichen.
Da stört ihn auch nicht weiter, dass es seiner Argumentation ein wenig an Schlüssigkeit mangelt. Mag er sich doch nicht so recht entscheiden, ob die “sogenannten” Blogs nun nur selbstgefühlt bedeutsam sind oder den Wahlkampf in den USA entschieden beeinflusst haben.
Nicht nur, dass es im gelang, über eine halbe Milliarde Dollar zur Finanzierung seines Wahlkampfs in Form einer Art Netz-Micropayment einzusammeln. Er umging mit seiner Informationsstrategie auch systematisch die klassischen Medien, indem er seine Botschaften über Internet-Blogs verbreitete, TV- und Radiosender also zwang, diese wiederum im Nachgang zu zitieren und damit die bislang übliche Kette der Informationsvermittlung zu umgehen. Klassische redaktionelle Verarbeitung und handwerklich regelgerechte Präsentation der Information war so erst möglich, wenn die “Information” längst verbreitet war.
Schlimmer Finger, dieser Obama. Der hat einfach seinen Leuten erlaubt, ihn zu unterstützen und das auch noch öffentlich. Und die haben das sogar gemacht! Was erlauben die sich eigentlich?
Aber es ist eine sehr bedenkliche asymmetrische Publizistik, die von den Apologeten der digitalen Moderne da beklatscht wird. Die klassischen Medien werden so zu Beobachtern von Informationsvorgängen degradiert, für die sie zuvor gestaltend zuständig - und zur Verantwortung zu ziehen - waren.
Ist es eigentlich Zufall, dass “asymmetrische Publizistik” sich beinahe anhört wie “asymmetrische Kriegsführung”? Was um Gottes willen hat Herrn Claus so viel Angst gemacht?
Mit dem Verlust jeder Filter- und Prüfungsautorität kommen dieser Art der Medienkultur auch alle Korrekturfunktionen abhanden: Dergestalt gesetzte Informationen sind zum Beispiel praktisch nicht mehr dementierbar.
Filter- und Prüfungsautorität. Wir erinnern uns, für welchen Verlag Ulrich Claus schreibt.
Via: WEISSGARNIX
2 Kommentare bisher ↓
1 Henning // 10. November 2008 um 1:39 Uhr
Da fällt einem erstmal echt nichts zu sein. Bei der Argumentation bleibt einem nicht nur die Spucke weg.
2 Carsten // 10. November 2008 um 20:19 Uhr
Ja, manchmal zweifelt man wirklich an den Informationen aus dem Internet. Vor allem, nach solchen Artikeln wie dem Schleppnetz… ;-)
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