
photo credit: Rainer Ebert
Heidelberg, Schauplatz des Vorlesers
Der wesentliche Inhalt von Bernhard Schlinks Roman “Der Vorleser”, an den die Verfilmung angelehnt ist, dürfte weitläufig bekannt sein. Der 16jährige Schüler Michael beginnt im Westdeutschland der 1950iger Jahre eine Affäre mit der Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz. In ihrer bescheidenen Etagenwohnung lieben sie sich - und er liest ihr vor. Schon diese Phase der Begegnung beider ist geprägt von Schuldgefühlen, Zurückweisung und Unverständnis.
Viel später, als Heidelberger Jura-Student, trifft Michael in den 60iger Jahren erneut auf Hanna, die sich vor Gericht nun als Angeklagte dafür verantworten muss, dass sie als Mitglied der SS einst in einem Konzentrationslager tätig war. Auf einem Marsch der Lagergefangenen nach Westen gegen Kriegsende hatten die Wärterinnen ihre Häftlinge in einer Dorfkirche eingeschlossen und trotz Bombardierung und Brand der Kirche die Türen nicht geöffnet, wodurch über 300 Frauen den Tod gefunden hatten. Hanna wird im Prozess fälschlicherweise die Hauptverantwortung für das Verbrechen zugeschoben. Sie wehrt sich dagegen nicht - aus Scham zuzugeben, dass sie Analphabetin ist.
An dieser Stelle, noch viel stärker während der Haftzeit Hannas, wird klar, dass Michael immer noch um Distanz ringt zu Hanna. Sein Leben wird von den frühen Erfahrungen mit Hanna immer noch geprägt und beeinträchtigt, obgleich er längst erfolgreicher Anwalt ist.
Der Film von Stephen Daldry erzählt einerseits in eindringlichen Bildern diese Geschichte. Er spannt aber auch den Bogen zum rechtsphilosophischen Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit. Hanna widerfährt in juristisch-formalem Sinne Recht, es bleibt aber zweifelhaft, ob sie auch ethisch-materiell gerecht behandelt wird. Dabei begnügt sich der Film aber an keiner Stelle damit, Hannas Verantwortung wegen ihrer fehlenden Bildung geringer zu gewichten oder sie gar von Schuld freizusprechen.
Sowohl Ralph Fiennes als auch David Kross, die den älteren bzw. den jüngern Michael mimen, machen ihre Sache sehr gut. In den Schatten gestellt wird ihre Leistung allerdings noch von Kate Winslet als Hanna. Wie sie die komplexe und zugleich naive Figur Hanna zwischen Verdrängung und Schuldgefühlen pendeln lässt und ihrer Rolle absolut glaubwürdig mehrere Jahrzehnte Altern verleiht, ist verdient oskarprämiert.
Ein Kommentar bisher ↓
1 almi // 1. März 2009 um 18:46 Uhr
der film wird ja sehr kontrovers diskutiert.
schön, deine sicht der dinge erfahren zu haben!
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