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Frankfurter Parasitenparanoia: Oliver Jungen über Google Books

31. Juli 2009 · Keine Kommentare

Reclam - seltene Bleistiftnotitzen - Flohmarkt Rahlstedt
Creative Commons License photo credit: svensonsan

Gelegentlich fühle ich mich etwas merkwürdig belustigt, wenn dumpf-dümmliche Papstschelte mich, einen überzeugten Lutheraner, dazu reizt, ausgerechnet die römisch-katholische Kirche in Schutz zu nehmen. Ganz ähnlich geht es mir zuweilen mit Google. Ich bin weit entfernt davon, das komplette Treiben der Such- und Findeprofis für eine harmlose Spielerei zu halten oder ihnen altruistische Motive für ihre Informationssammelei zuzuschreiben. Aber wenn Kritik so heuchlerisch, unreflektiert und polemisch daherkommt wie in den letzten Wochen häufig aus den Zeitungsspalten der FAZ, dann sollte man doch zumindest versuchen, die eine oder andere schiefe Sicht etwas gerade zu rücken.

Heute kritisiert Oliver Jungen auf S. 33 des Feuilletons unter der harschen Überschrift “Operation Parasitenverlag” Googles Buchdigitalisierung und meint dies noch mit einer überaus sachlichen Betrachtung über die googlesche Büroeinrichtung und die Sprachkompetenz der Google-Mitarbeiter unterstreichen zu können:

Überhaupt: Was ist das für ein Büro? Knallbunte Sofaecke, knallbunte Theken, überall Lavalampen. So sehr nach Kindergarten sieht ja nicht einmal ein Kindergarten aus. Dann führt Annabella Weisl die Buchsuche vor: „Pünktchen und Anton“ tippt sie ein. „Das gibt es auch für gesamte Korpusse (sic!)“, erklärt sie, verhaspelt sich aber bei „institutionelle Subskriptionen“: „Das Wort kann ich immer nicht aussprechen.“ „Klingt doch super“, sekundiert Keuchel jovial.

Wenn es noch eines Beweises dafür bedurft hätte, dass der Aufenthalt in schicken Frankfurter Redaktionsbüros und die Beherrschung der deutschen Sprache nicht zwingend zu Klugheit und Durchblick verhelfen, dann hätte Oliver Jungen ihn gleich mitgeliefert. Denn die eigentlich entscheidenden Fragen bei der moralischen Bewertung des Treibens von Google wirft er nicht auf. Wie verwerflich kann die Konzentration von Informationen in der Hand einer Firma sein, wenn über Jahrzehnte vorher niemand sonst sich berufen fühlte, die betreffenden Daten zu erschließen? Es hat einen Grund, dass Jungen diese Frage halbwegs elegant ausspart. Die Zeitungsverlage selbst nannten ihre von schalbewehrten Bürokraten bewachten Hochregallager mit Mikrofilmen und gebundenen Jahrgangssammelbänden noch zu Zeiten “das Archiv”, als jeder pickelige Erstsemesterstudent schon wusste, was eine Volltextsuche ist.

Und warum verliert Jungen kein Wort darüber, ob es ein global-kultureller Gewinn ist, wenn vergriffene Bücher recherchierbar und ihre Inhalte allgemein verfügbar sind? Sollte hier das entscheidende Problem aus Sicht des Feulletons (!) sein, dass möglicherweise an Nutzungsrechten der Verleger gekratzt wird, wohlgemerkt bei Büchern, die nicht erneut aufgelegt wurden, also monetär derzeit gar nicht verwertet werden?

Und schließlich: Was soll die alberne Überschrift? Was genau macht Googles Vorgehen parasitär? Darunter verstehe ich das faule, passive und grob unbillige Ausnutzen fremder Leistung. Wenn aber Googles eigene Leistung bei der Digitalisierung und Erschließung der Bücher dieser Welt nach Jungens Ansicht so wenig wert ist, dass die kommerzielle Nutzung des Datenbestandes Parasitismus ist, warum hat sich dann -und hier kommt wieder die jahrelange Verschnarchtheit der Verlage ins Spiel- bisher niemand sonst der Sache angenommen?

Rubrik: Medien · Netzkultur: Googeliges

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